Was zieht Menschen zum MLM?

In letzter Zeit hatte ich viele Kontakte mit Menschen, die seit geraumer Zeit in verschiedenen “Networks” ihr Glück versuchen, aber einfach nie einen Punkt erreichen, an dem sie über das Erreichte das Gefühl der Zufriedenheit, der Errungenschaft, oder des “endlich angekommen-Seins” erfahren.

Ich fragte mich, wie das wohl dazu kommt, und holte so viele Informationen wie möglich aus meinen “Gesprächspartnern” heraus – was gar nicht leicht war. Denn mir wurde bald bewusst gemacht, dass die Menschen meist selbst gar keinen Schimmer haben, was mit ihnen geschieht.

Am Anfang steht immer der Gedanke, dass man schließlich Geld verdienen muss, um zu überleben. (Keine Frage, in unserer Gesellschaft braucht man Geld!) Vielleicht ist es nur ein Zufall, aber die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind in Ihrer Geschichte an einem Punkt angelangt, wo sich alles ums Geld dreht – es einfach zu wenig da. Und sie haben die (traurige) Erfahrung gemacht, dass ihre bisherige Berufserfahrung sie nicht von dem Schicksal – in Geldnot zu sein – bewahren konnte.

Man beginnt sich umzuschauen, denn man hört und liest ja oft, dass das Internet ein Ort wäre, wo leicht Geld zu verdienen sei. Vielleicht zweifelt man anfangs, aber … je länger man sucht, desto weniger logisch erscheinen sie, die Zweifel. Wer sich hier umschaut, der stößt fast zwangsläufig auf Angebote, wo ein “Eigenbau-”Millionär die Leute einlädt, es ihm gleich zu tun. Er schildert in strahlenden Farben, entweder wie gut sein “Network” oder wie erfolgreich sein “System” sei. Und natürlich fehlt fast niemals die Versicherung, wenn er es konnte, dann kann es der Betrachter allemal.

Neuerdings zeichnet man im (beweiskräftigen) Video ein Bild vom Millionärsleben und den Luxus, der den Vortragenden umgibt. Oft sieht man Kontoauszüge und Schecks mit sehr hübschen Summen, die beweisen, dass der Mann von Dingen spricht, die er versteht. Oder irgend eine Abwandlung dieser Kulissen.

Solcher Art “gebadet” sieht man sich selbst durchaus in der Lage, es seinem “Vorbild” gleich zu tun – und kauft das beworbene System oder schreibt sich im gepriesenen Network ein. Man hat völlig vergessen, dass man selbst ja auch ein Mensch mit (vielleicht ganz anderen) Talenten, Erfahrung und Qualitäten ist, mit denen man die eigene Geschichte geschrieben hat!

Anscheinend blendet der Kontrast zwischen einerseits der quälenden beruflichen oder Erwerb-orientierten Erfahrung und andererseits den strahlenden Bildern des Erfolgreichen die Leute, dass sie auf sich selbst, auf ihre eigenen Qualitäten, Vorlieben und Wünsche, Neigungen und Fähigkeiten völlig “vergessen”.

Vielleicht geraten diese ganz und gar aus dem Blickfeld, weil das vor Augen geführte Bild so starken Reiz ausübt und allem anderen keine Raum mehr lässt. Und dann ist da ja der bohrende Zwang, über genug Geld zu verfügen.

Lange Zeit war mir unverständlich, wie jemand, der offensichtlich alles andere als “der typische Networker” ist, sich hartnäckig über Jahre hin immer wieder neuen “Networks” anschließt, um Geld zu investieren, das nie zurück kommt. Schließlich … wer die äußeren Insignien des Erfolgs trägt, kann nur Recht haben.

Heute aber scheint mir, dass unsere im Grund genommen den Menschen verachtende “schöne neue” Gesellschaft es geradezu darauf anlegt, die Massen in potemkinschen Zäunen gefangen zu halten und viel Aufwand zu treiben, sie immer schön da drin zu halten. Wie Milchvieh, das täglich gemolken wird oder Weidevieh bis zur Schlachtreife.

Man braucht ja nur mit wachem Verstand beobachten, wie die aktuelle “Finanzkrise” von den Verantwortlichen “verdogmatisiert” wird! Die Damen und Herren Entscheidungsträger scheinen der Überzeugung zu sein, dass “das Volk” keinen Hausverstand besitzt und sie einen Freibrief für Dummheit besitzen.

Wehe aber, es bricht da einer aus und besönne sich auf seine eigenes Leben! Ein eigenes, autonomes Leben zu gestalten, das auf den eigenen Fähigkeiten, Qualitäten, Wünschen, Neigungen und Zielen baut, scheint von allen “Hauptströmungen” als Pestilenz angesehen und mit allen Mitteln verhindert zu werden.

Obwohl … jede einschlägige Werbung betont, wie nahe man genau diesem Traum käme, würde man sich bloß “anpassen” und für das projizierte Ziel entscheiden.

Das “fremde Ziel” heißt, man tritt dem beworbenen Network (oder einer Lebensweise) bei oder man erwirbt das gepriesene System. Keiner der Anbieter fragt, wie es denn mit den eigenen Vorstellungen, Fähigkeiten und Neigungen steht, weil er ja weiß, dass das Verlangen nach viel Geld alles andere überdeckt. Erfolg zu haben heißt eben, sich die angebotenen Ziele zu eigen zu machen und Einsatz zu bringen – das habe der Anbietre ja selbst auch müssen!

Also stellt man die Aussicht, in dem beworbenen Network oder mit dem angebotenen System genau so viel Geld zu verdienen, so in den Vordergrund, dass der Blick auf alles andere einfach verstellt ist. Sehr viel Geld … nur in diesem Network, nur mit diesem System.

In Wahrheit wir man gehindert, ein eigenes Ziel zu verfolgen, aber an seiner Stelle in einen Traum versetzt, der so unwirklich ist wie der Gedanke, man könnte einfach dadurch, dass man den Erfolgreichen kopiert, selbst so erfolgreich werden.

Das “System des Erfolgreichen” besteht aber nur zum sehr geringen Teil aus dem, was er einem zu vermitteln sucht (oder was duplizierbar wäre), zum bedeutend größeren Teil aber in unsichtbaren – ja meist sogar ihm selbst nicht bewussten – Elementen, welche die Persönlichkeit des Erfolgreichen ausmachen – und oft genug gehört dazu seine ganze Lebensgeschichte.

Vor vielen Jahren habe ich einen Kurs für persönliche Entwicklung besucht, der einen für mich (damals) markantesten Grundsatz lehrte: Es ist die unverzichtbare Pflicht eines Menschen, seinen Verstand und seine Fähigkeiten einzusetzen, um ein Höchstmaß an Lust zu erfahren und Unlust weitestgehend zu vermeiden.

Damals habe ich (anfangs mühsam) verstehen gelernt, dass ich allein für mein Leben und mein Wohlergehen verantwortlich bin; und dass Eigenverantwortlichkeit und Wohlergehen ohne Selbsterkenntnis (und Sachverstand) nicht möglich sind.

Reichtum und Erfolg führen nicht zum Glücklichsein. Erfolg ist zwangsläufig die Folge einer Lebensführung, die das Glücklichsein zum Ziel hat. Und Reichtum ist dann recht relativ – aber auch materieller Reichtum ist dabei viel wahrscheinlicher als anders herum.

Das Leben an sich erfahren wir ja in Vielfalt, Schönheit, Freude, Lust, Vergnügen … und alles, was diesem zuwider läuft, erzeugt uns Schmerz – das ist nichts weiter als eine Vokabel des Lebens, mit dem es uns sagt: So nicht!

Im Grunde bin ich heute noch dankbar für diese Lektion, denn sie hat mich dazu gebracht, meine Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten immer nach dem zu erweitern, was meine Ziele verlangen. Meine Ziel waren immer jenseits der Grenzen dessen, was “jetzt” erreichbar war, bauten aber immer auf dem Wissen um meine Fähigkeiten, Neigungen und dem auf, was ich als meine “Berufung” spürte.

Und meine Ziele waren für mich immer die unerschöpfliche Quelle von Energie, die ich brauchte, um mich für meine Ziele einzusetzen und sie zu verwirklichen. (Ich hatte niemals ein Ziel wie etwa “bis zum Jahresende x habe ich 100.000 € auf meinem Bankkonto”)

Die wirklich interessante Erfahrung damit war einfach, dass mir diese Lebenshaltung immer genug Geld eingebracht hat und ich somit niemals anfällig geworden bin für Verlockungen, die mit meinen persönlichen Neigungen und Zielen nicht harmonierten.

Es mag der Eindruck entstehen, dass ich dem MLM gegenüber allzu kritisch bin. Doch wäre das an meiner Einstellung vorbei und nichts ins Ziel getroffen. “MLM” steht hier nur stellvetretend für eine Form der Werbung, die es darauf anlegt, den Verstand zu vernebeln.

Der Grundgedanke des MLM hat aber nichts davon, er scheint mir vielmehr ein durchaus lukratives Geschäftsmodell zu begründen – allerdings eines, das sehr leicht, sehr oft und sehr gründlich missbraucht wird. Ein lukratives Geschäftsmodell für jene, die darin Erfüllung finden, ein Leiden für jene, die damit Reichtum auf Kosten ihrer Erfüllung verfolgen.

Helmut W. Karl
Copyright © 2011

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Über admin

Als 12-jähriger Radiobastler und (damals illegaler) Amateurfunker entdeckte ich mein Faible für Elektronik, das mich über eine erfüllende Berufstätigkeit zu meiner heutigen Tätigkeit brachte. Interessiert bin ich am Leben und an der Natur, und ich liebe, es systemtechnisch zu denken und "gestörte Systeme" zu korrigieren.
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4 Antworten auf Was zieht Menschen zum MLM?

  1. Ayayay, Helmut… abermals sprichst du mir – fast – schon aus dem Herzen. Denn jedesmal, wenn ich den materiellen Reichtum hatte, fiel er mir innert Kürze wieder aus dem Schoss, weil ich mir damit das holen wollte, was mir die ganze Zeit fehlte. Kaum hatte ich es, war auch das Geld verdienen nicht mehr wichtig und zacka, fand ich mich wieder an der selben Stelle… nicht sehr helle, dachte ich mir dabei.
    Also mich nähmte es schon wunder, darum das fast am Anfang, wie es wäre 100’000 Ende Jahr heim zu bringen. Nur, ich seh’ jedesmal wieder die Geier kreisen. ;-p
    Du, ich habe deinen Link inklusive kleinen Text auf meiner Startseite platziert. Also, wir teilen uns nun gemeinsam den PageRank, den ich jetzt nach bester SEO Manier zu steigern versuche.

  2. Hey, ich hab’ gesehen, dein PageRank ist auf Numero Uno gestiegen. ;-)
    Ich arbeite weiter daran, den PageRank meiner Seite zu erhöhen und Backlinks zu kriegen. Nebenbei fand’ ich heraus, dass du bei Simplology bist;
    Ich dacht’ nur: bist auf den Artillerie Fritzen reingefallen (er, der Schaffer dieses Oneline Kurses, war eine gute Weile lang Nachrichten- und Artillerieoffizier).
    Doch neugierig macht es mich schon, da ich seinen Newsletter nach einem Interview abonniert hatte. Seine Sprüche sind mir zu konfuzianisch… sprich zu theologisch, gesellschaftsbildend als Charakter stärkend. Da war mir Lao Tze verwirrlicher, doch lieber.

    Auf alle Fälle wünsch’ ich dir alles Gute!

    Cheers,
    Sam

    • admin sagt:

      Hm … ;) – Zu Mark Joyner, Simpleology:
      Ich benutze sein “Webcockpit” und finde es ganz große Klasse! Und was seine Diktion betrifft … na, ja … hat nicht jeder von uns irgend eine Besodnerheit? Mich stört das nicht!
      Dir alles Liebe und viel Erfolg!
      Helmut

  3. Ach, und schreib mal wieder was! ;-p

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